Jüdischer Friedhof Wolfhagen

Nach langen Verhandlungen konnte die jüdische Gemeinde Wolfhagens im Jahr 1820 dieses ursprünglich 3007 qm große Gartengrundstück von der evangelischen Kirchengemeinde erwerben. Rund zehn Jahre später wurde an der Wilhelmstraße dann der neue Friedhof eröffnet. Im jüdischen Glauben gilt ein Begräbnisplatz als ewige Ruhestätte, bis der Messias kommt. Grabsteine werden nicht entfernt.

Die Gemeinde existierte mit Unterbrechungen bereits seit Ende des 16. Jahrhunderts. Bis 1874 wuchs sie auf einen Bevölkerungsanteil von fast 10 % (300 Personen). Darauf nahm sie stetig ab und umfasste 1932/33 noch 78 Personen. Alle zu dieser Zeit noch in der Stadt wohnenden Jüdinnen und Juden wurden während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in die Flucht getrieben oder zwangsumgesiedelt, deportiert und ermordet. Mit Moses Block verschleppte man am 7. Juli 1939 den letzten jüdischen Einwohner Wolfhagens. 

Gesamtansicht auf den jüdischen Friedhof
Gesamtansicht auf den jüdischen Friedhof
(Foto: Stadt Wolfhagen)
Denkmal auf dem jüdischen Friedhof Wolfhagen
Denkmal auf dem jüdischen Friedhof Wolfhagen
(Foto: Stadt Wolfhagen)
Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof Wolfhagen
Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof Wolfhagen
(Foto: HNA)

Alte Begräbnisstätte an der Liemecke

Der frühere Friedhof war Anfang des 18. Jahrhunderts angelegt worden. Er befand sich bis zu seinem Verkauf 1933 östlich von hier an der Liemecke (heute: Lynkerstraße 18). Leider sind keine Spuren mehr von ihm vorhanden.

Bei Beerdigungen war jüdischen Einwohnern der Gang durch das Neue Tor (Burgstraße) untersagt. Deshalb mussten sie zum letzten Geleit den längeren Weg durch das Schützeberger Tor nehmen. Obwohl die Synagogengemeinde protestierte, wurden 1793 in unmittelbarer Nachbarschaft ein Schützenhaus und eine Kegelbahn gebaut. Die Spielbahn befand sich teilweise auf alten Gräbern.

Ende der 1820er Jahre war das kleine Begräbnisfeld voll belegt. Eine notwendige Erweiterung scheiterte jedoch an unangemessenen Auflagen der kommunalen Behörden. Der Bau einer Mauer um den Friedhof herum wurde 1838 von aufgebrachten Wolfhager Bürgern gewaltsam gestoppt. Anschließend wurde die Einfriedung bis 1847 behördlich untersagt. Die Stadt Wolfhagen stellte zudem jahrzehntelang die Besitzverhältnisse infrage. Im Mai 1915 wurden schließlich erneut Teile der inzwischen errichteten Friedhofsmauer von Unbekannten zerstört. 


Neuer Friedhof an der Wilhelmstraße

Einige noch vorhandene Grabsteine des alten Friedhofs wurden Anfang der 1830er Jahren hierhin gebracht und nach ortsüblichem Brauch aufrecht aufgestellt. 1938 dokumentierte Baruch Wormser aus Grebenstein die Lage der einzelnen Ruhestätten und hielt die Inschriften von 177 existierenden Grabsteinen fest. Die zwischen 1712 und 1800 eingemeißelten Beschriftungen sind ausnahmslos hebräisch. Die erste deutsche Inschrift stammt aus dem Jahr 1847. Lina Gutmann (1935), Alexander Kann (1935) und Johanna Kann (13. Juli 1936) waren die letzten Jüdinnen und Juden, die hier bestattet wurden.

Nachdem der Friedhof bereits im April 1924 und im November 1938 geschändet worden war, wurden 1941 alle Grabsteine umgestürzt und größtenteils zerstört. Nur aufgrund eines langanhaltenden Streites über die Besitzverhältnisse überstanden die meisten Monumente und Trümmerteile die Zeit bis zum Kriegsende 1945.

Ausschnitt Gräberverzeichnis des jüdischen Friedhofs Wolfhagen
Ausschnitt Gräberverzeichnis des jüdischen Friedhofs Wolfhagen
aufgenommen im Juli 1938 durch Baruch Wormser (Quelle: HHStAW 365, 867, Bl. 3)

Ort des Gedenkens und Mahnens

Auf Veranlassung der US-amerikanischen Militärregierung wurde der Friedhof zunächst wiederhergestellt. Danach errichtete man hier auf Vorschlag von Opferorganisationen und auf Anordnung der neuen, demokratisch legitimierten Kommunalverwaltung im September 1948 ein zeittypisches Ehrenmal. Mit den Bruchstücken der zerstörten Grabsteine wurde eine Mauer gebaut und darin eine Erinnerungstafel in hebräischer und deutscher Sprache integriert. Davor gruppierte man unversehrte Grabsteine. 

Erhalt und Pflege wurden von der Stadt Wolfhagen übernommen und später vom Land Hessen bezuschusst. In den folgenden Jahrzehnten ersetzte man die ursprünglich vorhandene Mauer zur Wilhelmstraße durch einen Jägerzaun und eine nahezu lückenlose Thuja-Hecke. Nachdem die Wolfhager Juden Lutz Kann (Berlin) und Wolfgang Möllerich/Ralph Mollerick (USA) bei ihren Besuchen immer wieder darauf aufmerksam gemacht hatten, dass die Anlage in keinem guten Zustand sei und die hohe Hecke den Blick auf die Friedhofsanlage versperrte, erfolgten 1994/95 umfangreiche Pflegearbeiten. Zur Erinnerung an seine ermordeten Eltern ließ Ralph Mollerick am 31. Juli 1995 privat einen neuen Grabstein aufstellen.


Weitere Fotos von der Einweihung des Friedhofs 1948 finden Sie hier: Bildergalerie 

Feierliche Einweihung des Gedenksteins 1948
Feierliche Einweihung des Gedenksteins 1948
(Foto: Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen, Bd. 3, Frankfurt/M. 1973, S. 207)
Blick auf den Friedhof
Blick auf den Friedhof
(Foto: Ernst Klein)

Gegen das Vergessen

Die kommunale „Initiativgruppe 9. November“ arbeitete ab 2019 einen Plan zur Umgestaltung der Anlage als Erinnerungs-, Gedenk- und Begegnungsort aus. Mit Zustimmung des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen sowie mit Unterstützung des Landes Hessen und der Stadt Wolfhagen wurde er in den Jahren 2020 und 2021 umgesetzt: 

Durch Entfernung der Hecke ist wieder der Blick auf die Friedhofsanlage frei geworden. Mit dem neugestalteten Eingangsbereich wird man eingeladen, sich mit diesem wichtigen Teil der Geschichte Wolfhagens auseinanderzusetzen.

Die Einfriedung entlang der Straßenfront mit einer Mauer aus Bruchsteinen ist durch Platten aus korrosionsbeständigem Cortenstahl unterbrochen. Auf diesen Metallplatten sind die Namen aller in Wolfhagen geborenen oder während der NS-Zeit in der Stadt lebenden Jüdinnen und Juden eingefräst, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft umkamen.

Nach einer langen Phase des Verdrängens wird mit der Neugestaltung dieses Kulturdenkmals nun wieder würdevoll an die jüdische Gemeinde Wolfhagens erinnert. Den früher hier lebenden jüdischen Bürgerinnen und Bürgern wird ein Stück ihrer Identität sowie ein persönlicher Ort des Gedenkens wiedergegeben.

Umgestaltung der Friedhofsanlage
Umgestaltung der Friedhofsanlage
Umgestaltung der Friedhofsanlage als Erinnerungs-, Gedenk- und Begegnungsort im Jahr 2020 und 2021. (Foto: Stadt Wolfhagen)

Besuch der Friedhofsanlage

Aus Respekt für die Toten bestehen folgende Regeln für das Betreten:

-samstags (Sabbat) und an bestimmten jüdischen Feiertagen ist die Begräbnisstätte geschlossen.

-den Schlüssel für das Eingangstor erhält man im Bürgerservice der Stadtverwaltung.

-männliche Besucher tragen eine Kopfbedeckung.

-das jüdische Brauchtum sieht keinen Blumenschmuck vor, zur Erinnerung können jedoch von Angehörigen Steine auf die Grabmäler gelegt werden.


Erinnerungs- & Gedenkstätten

In der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem befinden sich das "Tal der Gemeinden". Hier wird auf 107 Steinwänden der über 5000 jüdischen Gemeinden, die während der Shoa  ganz oder teilweise vernichtet wurden, gedacht. Auf eine der Steinwänden finden man auch Wolfhagen.


An zahlreichen ehemaligen jüdischen Gebäuden  in der Wolfhager Kernstadt  und am Platz des ehem. Synagogengebäudes in der heutigen Mittelstraße hängen Erinnerungstafeln, die an die Geschehnisse der Novemberpogrome mit der Zerstörung der Synagogen und jüdischer Geschäfte und Wohnhäuser am 09. November 1938 erinnern sollen.


Eine Liste der in der Stadt Wolfhagen geborenen oder während der NS-Zeit in der Stadt Wolfhagen lebenden jüdischen Einwohner, die infolge der NS-Diktatur getötet wurden oder verschollen sind finden Sie hier: Liste


Gedenkstätte Yard Vashem
Gedenkstätte Yard Vashem
(Foto: Reinhard Schaake)
Gedenktafel am Gebäude der Gerichtsstraße 3 in Wolfhagen
Gedenktafel am Gebäude der Gerichtsstraße 3 in Wolfhagen
(Foto: Stadt Wolfhagen)

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